60 Jahre deutsche Akupunktur

Dr. med. Hanjo Lehmann


60 Jahre Geschäftsidee "Deutsche Akupunktur" -
60 Jahre wissenschaftliches Desaster
 

 1) Ein beispielloser Erfolg

Am 15. Dezember 1951 gr√ľndete der Arzt Gerhard Bachmann in M√ľnchen mit einigen Mitstreitern die "Deutsche Gesellschaft f√ľr Akupunktur". Sp√§ter wurde daraus die "Deutsche √Ąrztegesellschaft f√ľr Akupunktur (D√ĄGfA)". Diese feierte am 18. November 2011 etwas voreilig ihr 60-j√§hriges Bestehen.

Gefeiert wird eine beispiellose Erfolgsgeschichte: Pro Kopf der Bev√∂lkerung gibt es heute in Deutschland doppelt so viele Akupunkteure wie in China (Deutschland ca. 1 auf 2000 Einwohner; China ca. 1 Akupunkteur auf 4000 Einwohner). Mehr als 30.000 √Ąrzte und ca. 15.000 Heilpraktiker bieten Akupunktur an. Mehr als 20 kommerziell orientierte Gesellschaften f√ľhren Kurse durch, wobei Leiter wie Dozenten dieser Gesellschaften sich in der Regel durch eine Gemeinsamkeit auszeichnen: Obwohl von den ca. 15.000 √ľberlieferten chinesischen TCM-Manuskripten bisher kaum mehr als eine Handvoll in westliche Sprachen √ľbersetzt wurden, sind sie au√üerstande, auch nur die Originaltexte ihres Faches zu lesen.

2003 gelang es dem vereinigten Antichambrieren der sonst tief entzweiten deutschen Akupunkturgesellschaften, auf dem 106. deutschen √Ąrztetag die "Zusatzbezeichnung Akupunktur" zu etablieren.

2005 machte das Hamburger "Universit√§tsklinikum Eppendorf" (UKE) einen Versuch, Deutschlands ersten Lehrstuhl f√ľr Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) einzurichten. Das scheiterte, nachdem bekannt wurde, dass der vorgesehene Bewerber kein Chinesisch konnte, also ebenso wie fast alle deutschen Aku-Dozenten nicht einmal die Originalquellen seines Fachgebietes h√§tte lesen k√∂nnen.

Auf den gegenwärtigen Stand der Dinge werde ich weiter unten zu sprechen kommen.

 

2) Wehe, wehe, wenn ich auf den Anfang sehe

Verschwiegen wird von den Aku-Gesellschaften, womit der scheinbar √ľberw√§ltigende Erfolg der Akupunktur in Deutschland erkauft wurde: mit 60 Jahren wissenschaftlichem Desaster. Das begann gleich mit der Gr√ľndung der ersten Akupunkturgesellschaft. Und es setzte sich nahtlos bis heute fort.

Denn die sich da seinerzeit als Lehrer aufspielten, wussten von Stechen, Erw√§rmen und Stimulieren nur das, was sich zwei Franzosen dazu ausgedacht hatten. Gerhard Bachmann und seine Freunde, die gerade erst Hitler √ľberlebt hatten, waren gleich wieder auf die n√§chsten Betr√ľger hereingefallen. N√§mlich erstens auf George Souli√©, der sich selber den Adelsnamen de Morant zugelegt hatte. Zweitens auf dessen Sch√ľler Roger de la Fuye, ein Neffe von Jules Verne.

Souli√© behauptete ab 1931, er h√§tte in China zwischen 1901 und 1910 Akupunktur gelernt. In Wahrheit hatte er dort nie eine Nadelung gesehen, geschweige denn selbst eine vorgenommen. In seinen mehr als 30 B√ľchern, die er bis 1931 ver√∂ffentlichte, f√§llt denn auch das Wort "Akupunktur " kein einziges Mal. Roger de la Fuye, sein Sch√ľler, war ihm offenbar auf die Schliche gekommen. Aber statt die √Ėffentlichkeit aufzukl√§ren, kopierte er lieber das Rezept Souli√©s und behauptete, er h√§tte die Akupunktur in Japan gelernt. So wurde er f√ľr die Deutschen zum wichtigsten Lehrer. – N√§heres dazu in dem Beitrag "Akupunktur im Westen – am Anfang war ein Scharlatan" (erschienen im Deutschen √Ąrzteblatt 30/2010) sowie auf dieser Webseite.

Doch was de la Fuye und Souli√© lehrten, hatte mit chinesischer Medizin wenig zu tun. Das erste deutschsprachige Akupunktur-Lehrbuch (1952 "Die moderne Akupunktur" von de la Fuye, √ľbersetzt von Heribert Schmidt) ist ein einziger Witz:

- Yang ist hier gekennzeichnet durch "Zusammenziehung, Schwerkraft, Zentripetalkraft", Yin hingegen durch "Ausdehnung, Steigkraft, Zentrifugalkraft" (tatsächlich trifft beide Male das Gegenteil zu).

- Akupunktur ist definiert als "Nutzbarmachung schmerzhafter Hautpunkte f√ľr Diagnose und Therapie" (tats√§chlich ist die Mehrzahl der Punkte weder spontan noch auf Druck schmerzhafter als ihre Umgebung).

- Die Meridiane sind "Bahnen, in denen Energie fließt" (weiteres dazu siehe unten).

- Von den Punkten hei√üt es: "Es reicht, von jedem Meridian die sechs wichtigsten Punkte zu kennen, n√§mlich Tonisierungs- und Sedierungspunkt, Luo-Punkt, Quellpunkt, Alarmpunkt und Zustimmungspunkt" (womit beispielsweise von den 5 meistverwendeten Punkten der Akupunktur bereits 2 wegfallen w√ľrden, n√§mlich Magen36-Zusanli und Milz6-Sanyinjiao).

- Beruhend auf den "Weiheschen Druckpunkten", werden die Akupunkturpunkte in ihrer Wirkung mit homöopathischen Präparaten gleichgesetzt, und dies rechts vielfach mit anderen Präparaten als links. (Lustigerweise werden diese Unterschiede im klinischen Teil des Buches völlig vergessen: Bei den therapeutischen Anweisungen werden nur die zu nadelnden Punkte angegeben, nicht aber, ob man sie rechts oder links stechen soll).

- Als normale Stichtiefe wird 3 bis 4 Millimeter genannt, nur in Sonderfällen 10 Millimeter.

- Von der chinesischen Diagnostik existiert nur ein Ausschnitt, und zwar ausgerechnet deren spekulativster Teil: Demnach soll der Zustand der "Organe" direkt an drei Handpuls-Taststellen festgestellt werden, und zwar oberflächlich andere Organe als in der Tiefe, dazu rechts andere Organe als links. Dies ohne jeden Hinweis darauf, dass beispielsweise die "Leber" der TCM mit der biologischen Leber nicht das geringste zu tun hat, ebenso wie die "Niere" oder "Milz" der TCM-Körperlehre.

- Dazu ein seltsames Organ samt Meridian mit dem Namen "Kreislauf-Sexualit√§t" (beruhend auf einem Irrtum Souli√©s, den dieser selber bald korrigiert hatte, der aber noch jahrelang in den B√ľchern herumgeisterte).

- Kern der Akupunktur sollte es sein, mit Goldnadeln zu "tonisieren" und mit Silbernadeln zu "sedieren".

 

3) Chinesische Medizin ohne China und ohne Chinesisch

So also fingen sie vor 60 Jahren an, die ersten deutschen Akupunkturlehrer: mit einem Sammelsurium verschrobener Konzepte und missverstandener Begriffe. Hinzu kam eine st√ľmperhafte Technik: die Nadeln wurden geradezu in den Punkt geschraubt. Dies mit einem Nadelmaterial (kurze, dicke Gold- und Silbernadeln), wie es in China nie existiert hatte.

Keiner der Gr√ľnderv√§ter der "Deutschen Gesellschaft f√ľr Akupunktur" sprach oder las chinesisch. Keiner kannte China. Die Vernunft h√§tte geboten, alle Aussagen der Franzosen nur unter Vorbehalt zu √ľbernehmen – so lange, bis man sie anhand der chinesischen Literatur und der chinesischen Praxis h√§tte best√§tigen k√∂nnen. Aber das war und ist das Dilemma der deutschen Akupunkteure: sie wollten schnell Geld verdienen, mit Nadeln und mit Unterricht. Chinesisch zu lernen, die Quellen zu studieren und die Realit√§t in China zu erforschen, hielten sie f√ľr Zeitverschwendung. So nahm das Desaster seinen Anfang.

 

4) D√ĄGfA = "Deutsche √Ąrztegesellschaft f√ľr Abschreiben"

Dennoch verkauften die Deutschen das franz√∂sische Gebr√§u den eigenen Sch√ľlern und Patienten ungeniert als "chinesische Akupunktur". Ebenso gl√§ubig wie schamlos schrieben sie von den Franzosen ab, selbstverst√§ndlich, ohne das jemals im einzelnen kenntlich zumachen. Woher stammten die therapeutischen Empfehlungen (insbesondere die Punktkombinationen), die ab 1952 in der "Deutschen Gesellschaft f√ľr Akupunktur" gelehrt wurden? Keiner der fr√ľhen deutschen Akupunkteure belegte seine Aussagen mit ihren Quellen. Keiner √ľberpr√ľfte seine Quellen. Und so ist es bis heute geblieben.

In 60 Jahren deutscher Akupunkturliteratur gab es kaum eine Handvoll Autoren, die ihre Quellen offenlegten: Litschauer, Palos, ich selber. Ansonsten Abschreiber und Plagiatoren: Bachmann, Schmidt, Stiefvater, Bischko, Zeitler, Schnorrenberger, Bahr, Kampik, Stux, Hecker, Steveling und und und ... zum Haareausraufen.

 

5) Einige Fragen des gesunden Menschenverstandes

Und keiner von ihnen stellte Fragen Рnicht einmal solche, die schon der gesunde Menschenverstand aufdrängte.

Zum Beispiel diese sogenannten "Meridiane", in denen angeblich "Lebensenergie" flie√üen sollte. Das sollte in einem 3-fachen Kreislauf geschehen, wobei jeweils 4 Meridiane einen Umlauf bildeten: von der Brust zur Hand, von der Hand zum Kopf, vom Kopf zum Fu√ü, vom Fu√ü zur√ľck zur Brust. Jeder Meridian hatte nicht nur einen oberfl√§chlichen Verlauf, auf dem die Akupunkturpunkte liegen sollten. Sondern es gab bei jedem angeblich auch einen inneren Zweig. Dieser sollte √ľber dasjenige Organ verlaufen, nach dem der Meridian (im Westen) seinen Namen tr√§gt, beim ersten Umlauf also Lunge, Dickdarm, Magen und Milz. Dann Herz, D√ľnndarm, Blase, Niere. Drittens "Herzbeutel" oder Perikard (bei Bachmann "Kreislauf-Sexualit√§t") – ein Organ, das nur aus Symmetriegr√ľnden in der Akupunktur auftaucht, und ansonsten in der gesamten TCM nrigends. Ebenso obskur die "Drei Erw√§rmer" ("Sanjiao"), von denen es ebenso wie vom "Herzbeutel" schon im TCM-Klassiker Nanjing hei√üt, beide h√§tten "einen Namen, aber keine Form" – also auch keinen Ort, durch den etwa ein "Meridian" flie√üen k√∂nnte.

Nun sollte es von diesen Umläufen aber nicht nur einen geben, sondern zwei, nämlich einen auf der rechten und einen auf der linken Körperseite. Beide Рund damit die rechts- und linksseitigen Akupunkturpunkte Рverlaufen an der Körperoberfläche auf beiden Seiten absolut symmetrisch. Frage: Wie ist das möglich Рda doch die inneren Verläufe zumindest einiger Meridiane (wenn es sie wirklich gäbe) auf keinen Fall symmetrisch verlaufen könnten?

Denn auch den Chinesen war ja bekannt, dass zwar die Niere beidseits vorhanden war (obwohl eine davon als "Lebenstor" galt). Andere Organe, wie Leber oder Herz, lagen auch in Chinas K√∂rperlehre asymmetrisch. Selbst wenn das Huangdi Neijing, die Bibel der TCM, an einer Stelle behauptet "Die Lunge liegt rechts, die Leber links", so lag doch auf der Hand, dass der innere Verlauf etwa des rechtsseitigen Herz-Meridians (wenn er denn wirklich √ľbers Herz verlief) l√§nger sein musste als der innere Verlauf links. Wie also war es m√∂glich, dass bei unterschiedlichen inneren Verl√§ufen die √§u√üeren Verl√§ufe (und damit die Akupunkturpunkte) rechts und links absolut symmetrisch waren?

Eine Frage des gesunden Menschenverstandes, aber keine f√ľr die schl√§frigen deutschen Akupunkteure. Auch – und zwar bis heute – keine Frage, die jemals in den Lehrinhalten der deutschen Akupunkturgesellschaften aufgetaucht w√§re.

 

6) "Organuhr" und Energiemaxima nicht-existenter Organe

Oder der "Fluss des Qi" in den rechten und linken Uml√§ufen. Angeblich, so besagte es die omin√∂se "Organuhr", hatte in 24 Stunden jedes der 12 Organe bzw. Organsysteme ein 2-st√ľndiges Maximum, und ein anderes gleichzeitig ein "energetisches Minimum". Souli√© hatte das aus einer seiner Quellen, n√§mlich dem "Zhenjiu Dacheng". Auf die Idee, dass dies, wie in der alten chinesischen Medizinphilosophie massenhaft anzutreffen, pure Spekulation sein k√∂nnte, kam weder Bachmann noch seine Mitstreiter.

Lächerlich war schon, dass es diese Minima und Maxima auch bei solchen Organen geben sollte, die wie der "Herzbeutel" außerhalb der Akupunktur gar nicht existierten. Wohin also sollte das "Qi" (falls es nicht ebenso ein Phantasieprodukt war wie der "Herzbeutel") da fließen?

Derart gefragt, behelfen sich die Dozenten der D√ĄGfA und der anderen Aku-Gesellschaften mit einem Trick: es gehe, so behaupten sie, nicht um "Organe", sondern um "Funktionskreise", und diese seien es, die solche Maxima und Minima h√§tten. Aber das ist ein durchsichtiges Geschummel. Erstens deshalb, weil doch das Qi in den Leitbahnen ("Meridianen") flie√üen soll, also in Strukturen mit eindeutigem r√§umlichem Verlauf – andernfalls w√§ren anatomische Karten mit Punkten und Leitbahnen v√∂llig widersinnig. Also m√ľssten auch Maxima und Minima (oder bei Schmerzen angeblich "Stauungen" des Qi) sehr wohl an bestimmten Orten vorhanden sein, und nicht blo√ü bei diffusen, nicht lokalisierbaren Funktionen.

Albern war das aber auch deshalb, weil Souli√© de Morant, de la Fuye und ihre deutschen Sch√ľler v√∂llig verga√üen, dass die Organe, die das "Zhenjiu Dacheng" meinte, solche im Sinne der TCM-Organlehre waren, nicht aber die realen Organe der Biologie. Decken taten sich deren Funktionen (jedenfalls mehr oder weniger) lediglich bei Lunge, Magen, D√ľnndarm, Dickdarm und Harnblase. Aber selbst da war es absurd, dass die maximale Funktion der Lunge zwischen 3 und 5 Uhr morgens liegen sollte, also dann, wenn sich die Menschheit im Tiefschlaf befand. Oder nachts von 1 bis 3 Uhr das angebliche Funktionsmaximum der Leber, die im TCM-Sinn das Zentralorgan des Zorns und der Entscheidungskraft war. Oder dass das funktionelle Maximum des Dickdarms 8 Stunden sp√§ter sein sollte als das des D√ľnndarms.

 

7) Was hält rechten und linken Meridian-Umlauf im Gleichtakt?

Es gab noch einen anderen Aspekt, der bei solchen spekulativen Albernheiten v√∂llig au√üer acht gelassen wurde. Entscheidende Voraussetzung dieser omin√∂sen Maxima und Minima w√§re nat√ľrlich, dass der Qi-Fluss in den rechten und linken Uml√§ufen absolut synchron erfolgte. Aber welche Kraft, welches Organ, welche Funktion sollte das gew√§hrleisten? Das Herz nicht, denn dessen Funktion als Pumpe war den Chinesen unbekannt. Und die inneren Verl√§ufe zumindest von Herz- und Lebermeridian waren (siehe oben) rechts und links unterschiedlich lang. Folglich mussten sie zum Durchflie√üen doch wohl unterschiedlich viel Zeit ben√∂tigen. Au√üerdem sollten Schmerz und Fehlfunktionen angeblich durch "blockiertes Qi" entstehen. Aber was passierte mit dem rechten Umlauf, wenn es links Schmerzen gab, also das "Qi" im linken Umlauf an einer Stelle blockiert war? Musste da nicht √ľber kurz oder lang das Qi in den rechten Uml√§ufen v√∂llig losgel√∂st und asynchron von den rechten Uml√§ufen flie√üen?

Anders gefragt: Gab es (wenn man denn das Modell gedanklich √ľbernehmen wollte) auch nur den geringsten Anlass anzunehmen, das Qi in den rechten und linken Uml√§ufen k√∂nnte √ľber Jahre und Jahrzehnte synchron verlaufen, ohne dass (wie im realen, von Harvey entdeckten Blutkreislauf) irgendein Organ, irgendeine regulierende Instanz das gew√§hrleistete? Nein, √ľberhaupt nicht. Und doch √ľbernahmen die braven Schafe, die sich da in Deutschland nach 1951 als Lehrer der chinesischen Medizin aufspielten, wie alles andere auch diese Konstrukte von den Franzosen.

Kleines Juwel am Rande: der √Ėsterreicher Johannes Bischko, von allen M√§rchenerz√§hlern der deutschsprachigen Akupunktur der geschw√§tzigste, hatte am Anfang irgendetwas in den falschen Hals gekriegt. Und w√§hrend alle anderen Autoren bei der "Organuhr" das Maximum der Lunge wie Souli√© und de la Fuye von 3 bis 5 Uhr angaben, verlegte es Bischko in seinen B√ľchern in die Zeit von 4 bis 6 Uhr. Auch die Maxima und Minima aller anderen Organe waren bei ihm jeweils um eine Stunde verschoben. Und in all den Jahrzehnten, in denen sich die ehrenwerten Schafsk√∂pfe der deutschen Akupunktur auf die Schulter klopften und sich gegenseitig ihre Kompetenz best√§tigten, hielt es kein einziger f√ľr n√∂tig, einmal √∂ffentlich auf diese Diskrepanz hinzuweisen und den Wiener Schwatzmeister dazu zu bringen, beim Unsinn mit der "Organuhr" wenigstens eine einheitliche Unsinnslinie einzuhalten.

 

8) Die Fließrichtung der Meridiane

Oder die Flie√ürichtung in den Meridianen. Nehmen wir Magen36-Zusanli, an der Tibiakante unterhalb des Knies gelegen und zusammen mit Dickdarm4-Hegu (im Hautwinkel zwischen Daumen und Zeigefinger gelegen) der meistverwendete Akupunkturpunkt. Er soll auf Psyche, Magen und Verdauungssystem wirken und wird √ľberwiegend "auff√ľllend" ("tonisierend") genadelt. Aber der Theorie zufolge flie√üt ja das "Qi" im Magen-Meridian vom Kopf zum Fu√ü. Wie also soll vom Knie aus irgendein Qi im Oberbauch oder im Kopf aufgef√ľllt werden? L√§uft das vielleicht √ľber den Fu√ü und f√ľllt erst auf dem Umweg √ľber den Milz-Meridian andere Regionen auf? Oder blockiert die Nadel den Qi-Fluss, so dass es sich im Oberlauf des Magen-Meridians staut?

Fragen, f√ľr die man kein Fachwissen braucht, sondern nur gesunden Menschenverstand. Aber genau daran fehlte es den Deutschen, die als Sch√ľler ebenso treu und doof waren wie als Lehrer anma√üend. Dumm wie die Schafe glaubten sie alles was man ihnen erz√§hlte, frech wie Oskar erz√§hlten sie es weiter. Und sie tun es bis heute.

 

9) Wie wichtig war die Akupunktur in Chinas Altertum?

Was die Gr√ľnderv√§ter der deutschen Akupunktur 1951 nicht wussten: Souli√© de Morant und Roger de la Fuye hatten sie gleich mehrfach beschwindelt. Gelogen war nicht nur, dass die beiden ihre Akupunktur in China bzw. Japan gelernt hatten. Geschwindelt war auch, dass die Akupunktur, wie Souli√© in einem Aufsatz behauptet hatte, "der wichtigste Zweig der chinesischen Medizin" sei. Geschwindelt war drittens, dass die Akupunktur im China dieser Zeit √ľberhaupt eine bedeutende Rolle spielte.

Tats√§chlich war sie, nachdem man sie 1822 an der kaiserlichen Medizinakademie verboten hatte, im Reich der Mitte zu einer Rarit√§t geworden. Doch dieses Verbot war wohl kaum vom Himmel gefallen. Vielmehr ist anzunehmen, dass die Akupunktur schon in den Jahrhunderten davor kaum von Bedeutung war, zumindest am Kaiserhof. Fraglich ist sogar, ob sie in der klinischen Realit√§t des chinesischen Altertums jemals eine bedeutende Rolle gespielt hat. Wenn das der Fall gewesen w√§re, m√ľsste beispielsweise irgendwann einmal bei einem kranken Kaiser eine Akupunktur vorgenommen worden sein. Dar√ľber jedoch existiert kein einziger unanfechtbarer Nachweis.

Und da, wo tats√§chlich Akupunktur zur Anwendung kam, lassen die vorhandenen Berichte darauf schlie√üen, dass die Nadeln keineswegs, wie heute √ľblich, bei Funktionsst√∂rungen, Schmerzen und psychosomatischen Beschwerden eingesetzt wurden, sondern im Gegenteil bei schwerwiegenden Zustandsbildern, ja sogar Notf√§llen (z.B. Cholera). Angesichts der Infektionsgefahr, die fr√ľher von den dicken, schmutzigen, oftmals oxidierten oder korrodierten Nadeln ausging, war das auch nicht verwunderlich.

 

10) Die Wiedergeburt der Akupunktur

Wenn man Mao 1940 in Yanan gefragt h√§tte, ob man sp√§ter einmal im ganzen Reich der Mitte Akupunktur lernen w√ľrde, h√§tte er lauthals gelacht. Er, der Kaiser des neuen China, dachte anfangs nicht im Traum daran, die alte Medizin neu zu beleben. Sein eigener Leibarzt war immer ein westlich ausgebildeter Mediziner. Zwar konnte das Land, weil es nur wenige zehntausend moderne √Ąrzte gab, nach 1949 auf die traditionellen Praktiker nicht verzichten. Aber Mao ordnete an, dass diese gef√§lligst die wissenschaftliche Medizin lernen sollten. Erst f√ľnf Jahre sp√§ter wandte sich das Blatt. Auf einmal galt als verd√§chtig, wer Kontakt mit westlichen Institutionen gehabt hatte. Von den modernen Medizinern waren das so gut wie alle. Also wurde die traditionelle Medizin aus rein politischen Gr√ľnden wiederbelebt.

Und die Akupunktur wurde im Grunde komplett neu erfunden. Wie nie zuvor in Chinas Altertum lehrte man sie jetzt anhand von anatomischen Karten, die jedem Therapeuten zeigten, welchen Weg seine Nadel nahm. Desinfektion der Einstichstelle (und damit gleichzeitig der nadelnden Finger) wurde jetzt ebenso selbstverst√§ndlich wie die Sterilisation der Nadeln nach dem Gebrauch. Auch so etwas hatte es im Altertum nie gegeben. Das Ganze geschah jetzt mit d√ľnnen Nadeln aus rostfreiem Stahl. Diese machten nicht nur das Durchstechen gr√∂√üerer Nerven ungef√§hrlich, etwa des Nervus medianus beim Punkt Herzbeutel6-Neiguan. Sondern sie f√ľhrten selbst dann, wenn vielleicht ein Dummkopf Leber oder Niere anstach, kaum einmal zu wirklich gravierenden Folgen.

Also eine doppelte Neuerfindung, in China wie im Westen. Im Westen wurde die Akupunktur aus der Not des L√ľgners Souli√© de Morant heraus erfunden, nachdem er einmal behauptet hatte, er w√ľrde die Nadeltherapie beherrschen. In China wurde sie aus politischen Kalk√ľl wiederbelebt, als Bastard aus alter Theorie, neuem Wissen, neuem Material und neuen Anwendungsbereichen. Doch mehr als 40 Jahre hindurch wussten die Akupunkteure im Westen und in China kaum etwas voneinander.

 

11) Fragen Verboten!

Dabei hatten beide – die westliche wie die chinesische Akupunktur – eine geradezu mystische Gemeinsamkeit: den Verzicht auf kritische Fragen.

Die westlichen Nadelfreunde verzichteten darauf in ihrer Mischung aus Faulheit, deutschem Kadaverglauben und Gesch√§ftst√ľchtigkeit. In China gab es keine inhaltliche Kritik an der alten Medizin, weil sie politisch unerw√ľnscht war. Als die modernen √Ąrzte ab 1954 im Zuge der politischen Kampagnen obligatorisch TCM-Kurse belegen mussten, wurde ihnen als erstes Gebot mitgeteilt: "Fragen verboten!" Und nachdem den Wissenschaftlern der Mund verboten war, h√ľteten sich die traditionellen Praktiker erst recht, irgendwelche kritischen Fragen zu stellen – geschweige denn einzugestehen, dass sich die meisten davon nicht beantworten lie√üen.

Blauer Dunst und unversch√§mtestes Selbstlob waren schon im chinesischen Altertum Merkmal der Wander√§rzte gewesen, die auf den Marktpl√§tzen ihre Kunden suchten. Jetzt, unter dem Schutz der politischen Kampagnen, gab es schon gar keinen Grund, selbstkritisch mit den eigenen Inhalten umzugehen. So ist denn L√ľge, Selbstlob und das Totschweigen von Fragen bis heute nicht nur ein Merkmal der Kommunistischen Partei Chinas geblieben, sondern auch der "State Administration of Traditional Chinese Medicine" SATCM.

 

12) Nogier erfindet die Ohrakupunktur

Aber die Entwicklung blieb nicht stehen, im Westen nicht und in China schon gar nicht. In S√ľdfrankreich hatte der Arzt Paul Nogier von Patienten geh√∂rt, dass es in Nordafrika bei bestimmten Beschwerden Kauterisationen am Ohr gegeben haben sollte. Eines Tages fiel ihm auf, dass die menschliche Ohrmuschel einem Fetus gleicht, den Kopf nach unten gerichtet. Dies, so meinte er, k√∂nne kein Zufall sein. Also verband er die beiden Aspekte zu einer neuen Therapie: der Ohrakupunktur. Alle Organe und K√∂rperteile sollten seiner Meinung auf der Ohrmuschel repr√§sentiert sein, beruhend auf der Topographie des kopfstehenden Fetus, also beispielsweise das Auge in der Mitte des Ohrl√§ppchens. Und diese Eins-zu-Eins-Zuordnung von Ohrmuschelpunkten zu bestimmten Organen und K√∂rperpartien sollte seiner Theorie zufolge zur Diagnose ebenso taugen sollte wie zur Therapie.

 Das Ganze krankte allerdings schon an einem: Wenn die genetisch-neuronale Beziehung zwischen Ohrmuschel und dem gesamten Organismus wirklich gesetzm√§√üig die Form des kopfstehende Fetus erzeugte, dann h√§tte dies – da doch alle S√§ugetiere im Leib des Muttertieres in √§hnlicher Haltung heranwachsen – bei allen S√§ugetieren so sein m√ľssen. Aber allein ein Blick auf die Ohrformen all der verschiedenen Hunderassen zeigte, dass dies nicht der Fall war.

Weiter krankte sein System daran, dass die gesamte Aurikulotherapie niemals in einem unabh√§ngigen Krankenhaus klinisch getestet wurde. Das hielt die gl√§ubigen deutschen Aku-Schafe jedoch nicht davon ab, das System sogleich zu √ľbernehmen – und bald auch als obligatorischen Teil in ihren Aku-Kursen zu lehren.

 

13) Wie die Ohrakupunktur nach China kam

In China erschienen die ersten Berichte √ľber die Ohr-Therapie 1959. Wenig sp√§ter kamen die ersten B√ľcher dazu auf den Markt. Von der Politik waren die Chinesen daran gew√∂hnt, nichts von der alten Medizin prinzipiell in Frage zu stellen. So kam auch in China niemand auf die Idee, dass man die Hypothesen Nogiers, wie alle anderen auch, erst einmal h√§tte sorgf√§ltig √ľberpr√ľfen m√ľssen. Nirgends w√§re das leichter gewesen als in China, wo es damals kaum private Praxen gab, sondern der gr√∂√üte Teil der Behandlungen sich in Krankenh√§usern abspielte.

Als erstes w√§re die diagnostische Hypothese der Ohrakupunktur zu pr√ľfen gewesen: Wurden bei Beschwerden von K√∂rperteilen oder inneren Organen tats√§chlich definierte Ohrpunkte schmerzhaft bzw. ver√§nderten ihren elektrischen Widerstand?

Ein Versuch h√§tte gereicht. Man h√§tte blo√ü an einem gro√üen Krankenhaus hundert beliebige Patienten nacheinander auf einen Stuhl setzen m√ľssen, und zwar hinter einem Tuch verborgen, so dass nur ein Ohr zu sehen und zu betasten war. Dann h√§tten einige Akupunkteure pr√ľfen k√∂nnen, ob sie allein am Ohr mit einem Drucktaster oder einem Widerstandsmessger√§t brauchbare Diagnosen h√§tten erstellen k√∂nnen. So h√§tte die Welt definitiv gewusst, was von diesem Teil der Ohrakupunktur zu halten war.

Doch wie schon im Westen, so wurde auch in China nirgends eine solche Pr√ľfung unternommen. Dieselben Funktion√§re, die ihren Sch√ľlern das Fragen verboten hatten, √ľbernahmen jetzt die Ohrakupunktur, als w√§re sie allgemein anerkanntes Wissen. Auch hier ein wissenschaftliches Desaster, in China nicht anders als im Westen.

Immerhin wurde eine Zeitlang Nogier als Begr√ľnder dieser neuen Therapie genannt. Doch dann fanden die Chinesen eine Stelle in einem Klassiker, der zufolge sich alle Leitbahnen am Ohr treffen w√ľrden. Das reichte, um von nun an zu behaupten, die Ohrakupunktur sei wie die K√∂rperakupunktur eine uralte chinesische Erfindung. In Wahrheit gibt es in mehr als 2000 Jahren chinesischer Akupunkturliteratur an keiner Stelle auch nur das Wort "erzhen" (Ohrakupunktur), auch nicht die Empfehlung, bei bestimmten Erkrankungen Punkte auf der Ohrmuschel zu nadeln. Noch viel weniger gibt es die Topographie des kopfstehenden Fetus samt den dazugeh√∂rigen Organbeziehungen. Doch als bald darauf westliche √Ąrzte wie der √Ėsterreicher K√∂nig nach China kamen, lie√üen auch sie sich diesen B√§ren aufbinden. Zur√ľck in Europa, verk√ľndeten sie brav das M√§rchen von der "chinesischen Ohrakupunktur" – das ewige Lied des unkritischen Nachplapperns und Abschreibens, das unsere Akupunkturgesellschaften bis heute singen.

 

14) Deutschlands Dichter Johann Wolfgang

Doch die Entwicklung ging nicht bruchlos und kontinuierlich nach oben. Erst einmal wurde die 1952 gegr√ľndete "Deutsche Zeitschrift f√ľr Akupunktur" 1969 aus Mangel an Interesse eingestellt. Wenig sp√§ter, im Zuge des Nixon-Besuches in China, wurde die Akupunktur schlagartig popul√§r. Aber Chinesen, die sie in Europa kompetent h√§tten unterrichten k√∂nnen, gab es nicht. Es gab auch keine Leute, die sowohl medizinisch versiert waren als auch das Chinesische beherrschten. Die braven deutschen TCM-Schafe focht das nicht an. Es reichte, das jemand "aus Asien" kam, um anzunehmen, dass er sich mit der chinesischen Medizin auskannte. Ein Beispiel daf√ľr war Nguyen Van Nghi, ein in Frankreich lebender Vietnamese. Er sprach und las kein Wort chinesisch, doch gab es in seiner Heimat ein Lehrbuch, das holprig aus dem Chinesischen ins Vietnamesische √ľbersetzt worden war. Das √ľbersetzte er ins Franz√∂sische, und von da √ľbertrugen es gl√§ubige Germanen ins Deutsche. Manchen gilt diese schw√ľlstige Scharteke ("Pathogenese und Pathologie der Energetik in der chinesischen Medizin") bis heute als Standardwerk.

Wie sorgf√§ltig die Deutschen dabei ihre Quellen pr√ľften, zeigt ein h√ľbsches Indiz: bis heute wird der Vietnamese hierzulande als "Van Nghi" zitiert. Dabei steht im Vietnamesischen wie im Chinesischen der Familienname am Anfang. Ihn als "Van Nghi" zu zitieren, ist so, als w√ľrden Amerikaner den gr√∂√üten deutschen Dichter nur "Johann Wolfgang" nennen.

 

15) Knapp daneben ist auch vorbei.

√Ąhnlich wie ihre Literaturrecherchen verliefen die Studienreisen dieser fulminanten Asienkenner. Warum eigentlich sollten sie nach China fahren, um Akupunktur zu lernen? Ging es nicht etwas n√§her und etwas billiger?

Aber sicher doch. Gabriel Stux beispielweise und andere tapfere Kreuzritter von der hei√üen Nadel setzten sich ins Flugzeug und begaben sich – wohin? Vielleicht Singapur, Hongkong oder Taiwan? Nein, nicht doch. Sondern sie landeten in Sri Lanka, das damals noch Ceylon hie√ü. Ausgerechnet Ceylon. Das war ungef√§hr so, wie wenn ein Chinese in die Schweiz fahren will, um die Herstellung von Schweizer Emmentaler zu lernen – aber weil er kein Visum in die Schweiz kriegt, begn√ľgt er sich mit einem K√§serei-Kurs auf Madagaskar.

Der Lehrer von Stux und anderen Zu-Kurz-Gekommenen war ein gewisser Jayasuriya. Der hatte in Shanghai einen Dreimonats-Kurs in Akupunktur absolviert, und das reichte, um auf Ceylon eine gutgehende Lehrklinik einzurichten. Allerdings gab es eine Besonderheit: Da die singhalesische Volksmedizin dem Kopf eine √ľberragende Stellung einr√§umt, war Jayasuriyas Hauptpunkt, den er bei jeder Gelegenheit nadelte, der Punkt Du20-Baihui in der Mitte des Sch√§deldaches. Und die ahnungslosen Deutschen machten es ihm nach.

Heute ist in den B√ľchern von Gabriel Stux jeder Hinweis auf Jayasuriya getilgt. Und als er seine Praxis in D√ľsseldorf er√∂ffnete und der ersten Patientin erz√§hlte, er habe seine Akupunktur auf Ceylon gelernt, soll sich diese an das ceylonesische Dreibeinklavier in Stuxens Praxis gesetzt und das Lied angestimmt haben "W√§rst du doch in D√ľsseldorf geblieben!". Sogleich benannte Stux seine "Deutsch-Ceylonesische Akupunkturgesellschaft" in "Deutsche Akupunktur Gesellschaft D√ľsseldorf" um. Aber immer noch empfiehlt er in seinen B√ľchern bei allen Indikationen – ob Schlafst√∂rungen, Magenschmerzen, Kinderwunsch oder R√ľckenbeschwerden – Du20-Baihui, den Hauptpunkt des Ceylonesen. Und das in einem Lehrbuch, das immerhin im wissenschaftlichen Springer Verlag erschien. So viel zum Thema Wissenschaftlichkeit bei der Ceylonesischen Nadelgesellschaft D√ľsseldorf, oder wie sie sich heute nennen mag.

 

16) Neue Desaster, neue Mikrosysteme.

60 Jahre wissenschaftliches Desaster. Dazu geh√∂rten nicht nur die blind geglaubten Spekulationen von de la Fuye und Souli√© de Morant. Oder die niemals √ľberpr√ľften Theoreme der Ohr-Akupunktur. Oder der ceylonesische Kopfpunkt als Allheilmittel des Gabriel Stux. Dazu geh√∂rten auch neue Mikrosysteme, die immer wieder auf den Markt dr√§ngten: Systeme, die wie die Ohrakupunktur behaupten, dass der ganze Organismus auf einem K√∂rperteil repr√§sentiert sei und durch entsprechende Nadelung therapiert werden k√∂nne.

Ein Japaner namens Yamamoto kam daher und lehrte seine Erfindung, die er in sch√∂ner Bescheidenheit "Yamamoto New Scalp Acupuncture" nannte. Auch die wurde, wie schon die Ohrakupunktur, von den deutschen Schafen kritiklos geglaubt und gelehrt. Selbst als China sich l√§ngst ge√∂ffnet hatte, ging das Spiel weiter, am schlimmsten unter der √Ągide der D√ĄGfA-Pr√§sidentin Walburg Maric-Oehler. W√§hrend diese alle kritischen Stimmen resolut zum Schweigen brachte, √∂ffnete sie die D√ĄGfA jeder noch so obskuren Richtung, beispielsweise der "koreanischen Handakupunktur". Bei der repr√§sentiert der Mittelfinger den Kopf, Zeige- und Ringfinger die Arme, Daumen und Kleinfinger die Beine, und die Handfl√§che den Rumpf samt Organen. Auch dies nat√ľrlich, ohne dass jemals ein neutrales Krankenhaus wenigstens ein einziges Mal ein Dutzend Patienten einem Handakupunkteur zu Diagnose und Therapie vorgef√ľhrt und dessen Resultate dokumentiert h√§tte.

So waren und so sind sie, die deutschen Aku-Gesellschaften: W√§hrend sie auf Kritiker wie mich nach Kr√§ften einpr√ľgeln, findet jeder Spinner, jeder Phantast, jeder Yin-Yang-Harmonisierungsschw√§tzer bei ihren Kursen und Kongressen stets ein offenes Ohr.

 

17) Verpasste Gelegenheiten und der Mythos "Qi"

Nat√ľrlich gab es immer wieder Phasen, in denen ein Nachdenken m√∂glich gewesen w√§re, vielleicht sogar ein Umdenken. Ein solcher Zeitpunkt war ohne Frage erreicht, als China ab 1972 f√ľr ausgesuchte TCM-Freunde und ab 1980 f√ľr alle Westler offen war. Da h√§tte man nun wirklich die chinesischen Quellen studieren, Widerspr√ľche aufkl√§ren, Begriffe abkl√§ren k√∂nnen. Schon 1975 war das"Outline" erschienen, Chinas erstes Akupunkturbuch f√ľr Ausl√§nder, fast ganz ohne TCM-Philosophie. 1980 erschienen die "Essentials", mit einer R√ľckkehr der TCM-Theorie. Wenig sp√§ter erschienen auch die ersten chinesisch-englischen TCM-W√∂rterb√ľcher.

Sp√§testens jetzt w√§re auch der Zeitpunkt gewesen, mit dem gr√∂√üten Missverst√§ndnis aufzur√§umen, das sich seit Souli√© de Morant eingeb√ľrgert hatte: dem Gerede von der Lebensenergie "Qi", die angeblich in den Meridianen flie√üen sollte. Denn alle chinesischen Quellen – Klassiker, moderne Lehrb√ľcher und W√∂rterb√ľcher – machten eines unmissverst√§ndlich klar: in der chinesischen Vorstellung war der Fluss dieses "Qi" stets untrennbar verbunden mit dem Fluss von Blut. Die Meridiane der alten Chinesen, so zeigten die Quellen, waren ein fr√ľher und weitgehend spekulativer Versuch, eine Blutzirkulation zu beschreiben. Und was das Qi betrifft, so hat es im Chinesischen hundert Bedeutungen, von Luft und Gas √ľber die menschliche Wut bis hin zur Ursubstanz, aus der das ganze Universum aufgebaut ist. In den Jingluo (Leitbahnen, "Meridiane") jedoch, wo es zusammen mit dem Blut durch den K√∂rper flie√üen soll, ist "Qi" offenbar ein Sammelbegriff f√ľr die Feinsubstanzen, die der K√∂rper aus Luft und Nahrung extrahiert.

Sp√§testens jetzt h√§tten alle Vorstellungen von quasi-immateriellen "Energiebahnen" im K√∂rper in sich zusammenfallen m√ľssen. Wenn Blut und Qi in der chinesischen Vorstellung untrennbar zusammengeh√∂rten, kann da, wo es nachweislich keinen Blutfluss gibt, beim besten Willen auch kein Qi flie√üen. Damit war ein Konstrukt wie die Dickdarm-Leitbahn, die einen direkten Fluss von Blut und Qi von der Hand zum Kopf postulierte, definitiv vom Tisch – und damit im Grunde das gesamte Meridiansystem.

 

18) Kein Erforschen von Grundlagen und Grundbegriffen

Auch die Grundbegriffe des Faches hätte man jetzt endlich studieren können. Nein, mehr: die Grundlagen.

 Zum Beispiel die Eigenschaften der Punkte: wann und von wem in der chinesischen Medizingeschichte waren den einzelnen Punkten eigentlich jene oftmals wunderbaren Eigenschaften zugesprochen worden, wie sie heute (in China oftmals anders als im Westen) gelehrt werden? Gab es dar√ľber in China Debatten oder gar Streit? Gab oder gibt es wesentliche Unterschiede bei verschiedenen Autoren?

Oder Theorie und Praxis: Werden die theoretischen Pr√§missen, wie sie die chinesischen Lehrb√ľcher in ihrem ersten Teil beschreiben, in der klinischen Praxis wirklich angewandt? Oder auch nur im klinischen Teil derselben B√ľcher? (Nein, werden sie nicht.)

Oder die funktionellen Kategorien wie "antike Punkte", Tonisierungs- und Sedierungspunkte, Yuan- und Luo-Punkte, Kardinal-, Spalt-, Meister-, Alarm- oder Zustimmungspunkte: In welchen chinesischen Quellen sind sie erstmals beschrieben? Was bedeuten sie dort? Gibt es Anlass zur Annahme, sie k√∂nnte im Kern empirisch begr√ľndet sein? Oder entspringen sie erkennbar spekulativen Pr√§missen, die nicht nur unserem medizinischen Wissen widersprechen, sondern schon dem gesunden Menschenverstand? (Ja, genau das tun sie zum √ľberwiegenden Teil.)

Nichts davon wurde gefragt, nichts studiert, nichts diskutiert. Die Kontakte mit chinesischen TCM-Instituten, die in der Folgezeit geschlossen wurden, diente niemals zum Lösen offener Fragen, sondern stets nur zur gegenseitigen Bestätigung einer in Wahrheit nicht vorhandenen Kompetenz.

 

19) "Fachleute" ohne Ahnung von der Fachliteratur

Die Funktion√§re, die damals wie heute das Sagen hatten, schafften es nicht einmal, die wichtigsten B√ľcher des Fachgebietes, wenn schon nicht zu studieren, so sie sich wenigstens zu beschaffen. Die D√ĄGfA, die einen Teil ihrer Millionen in einem sogenannten "Wissenschaftszentrum" investiert hat, verf√ľgt unter anderem auch √ľber eine Bibliothek. Da stehen zwar die drei halboffiziellen Aku-Lehrwerke in englischer Sprache, die 1975, 1980 und 1987 in China erschienen. Ansonsten aber ist kein einziges der ma√ügeblichen chinesischen Grundlagenwerke zur Akupunktur vorhanden.

Und wenn man die Schriften der D√ĄGfA-Dozenten studiert, stellt man fest, dass auch von denen 99 Prozent niemals eines dieser Werke in der Hand hatten: nicht das bisher gr√∂√üte, an die 4000 Seiten umfassende Akupunktur-Sammelwerk von Wang Deshen. Nicht das "Han-Ying Zhongyi Cihai", das umfangreichste chinesisch-englische TCM-W√∂rterbuch mit fast 2000 Seiten und mehr als 25.000 Eintr√§gen. Auch nicht die √ľber jeweils 1000 Seiten umfassenden Speziallexika zur Akupunktur. Nicht die gro√üen Bibliographien zur chinesischen Akupunkturliteratur. Nichts, nichts, gar nichts. Eine Schande, die zum Himmel schreit.

 

20) Eine Scherzbuch namens "D√ĄGfA-Repetitorium"

1990 machte die Deutsche √Ąrztegesellschaft f√ľr Akupunktur einmal den ehrenwerten Versuch, ihre Lehrinhalte in knapper Form zusammenzustellen. Das B√ľchlein nannte sich "Akupunktur-Repetitorium"; Herausgeber war Raymund Pothmann. Da fand sich dann der alte sattsam bekannte Quatsch wie "Meridiane und Kollateralen (Jing Luo) sind 'Gef√§√üe', in denen 'Qi' zirkuliert". (Nein, siehe oben: alle chinesischen Quellen stimmen darin √ľber ein, dass darin "Qi und Blut" flie√üen soll). Lustigerweise steht das auch w√∂rtlich an einer anderen Stelle, aber in einer absurden Formulierung:"Qi und Blut flie√üen in 24 Stunden einmal durch alle Meridiane bzw. Organsysteme". Woher hatten die D√ĄGfA-Leute das? Von der modernen Medizin nicht, aber auch nicht von den TCM-Quellen, denn laut Huangdi Neijing sollten es "50 Zyklen in einem Tag und einer Nacht sein".

Die sch√∂nste Formulierung aber stammte vom Herausgeber Pothmann selber. Der schreibt n√§mlich gleich am Anfang: "Danach wird das gesamte Universum dualistisch nach den Polarit√§ten Yin und Yang eingeteilt. Die dazwischen liegende Spannung wird als Qi bezeichnet, ein Begriff, der f√ľr Lebensenergie steht." Umwerfend! Mehr Geschw√§tz geht wirklich nicht. Demnach sollte es die "Spannung zwischen Yin und Yang" sein, die in den Meridianen zirkulierte? Das Yuan-Qi war die Yuan-Spannung? Die "Nahrungsenergie Jing-Qi", wenig sp√§ter erw√§hnt, die "Nahrungsspannung"?

Zum Totlachen. Diesen Schwachsinn, so denkt man, wird doch sogleich jemand korrigiert haben, einer der vielen Fachleute, die an dem B√ľchlein mitarbeiteten, von Gleditsch, Garten, Rubach, Pollmann bis hin zu Frau Maric-Oehler (seit 1991 D√ĄGfA-Vorsitzende) und Wolfram St√∂r (seit 2010 D√ĄGfA-Vorsitzender). Erhob sich also ein brausendes Gel√§chter, das diesen Unsinn weggefegt h√§tte?

Aber nicht doch. 1994 erschien die n√§chste Auflage, und die herrliche Definition des Pothmannschen Qi als Yin-Yang-Spannung stand immer noch drin. Ebenso 1997, als die letzte Auflage dieses schm√§hlichen B√§ndchens herauskam. Inzwischen war zwar das peinliche Kriterienpaar "Oben-Unten" entfernt, das Herr Pothmann den "acht diagnostischen Kriterien" 1990 hinzugef√ľgt hatte, und ersetzt durch das Paar "F√ľlle-Leere", das dort korrekterweise hingeh√∂rte, jedenfalls wenn man das chinesische "Shi" als "F√ľlle" √ľbersetzen wollte. Aber das "Qi als Spannung zwischen Yin und Yang" blieb bis zur letzten Auflage im D√ĄGfA-Repetitorium. Die spinnen, die deutschen Akupunkteure, wird da mancher Chinese gedacht haben – falls er das Machwerk denn gelesen h√§tte.

Noch andere Punkte waren blamabel. Zum einen die Darstellung der oben beschriebenen Pulsdiagnose, mit der direkten Eins-zu-Eins-Zuordnung der Taststellen zu bestimmten Organen, rechts andere "Organe" (wie oben angemerkt, nicht die der Biologie, sondern der TCM) als links, und in der Tiefe andere “Organe” als an der Oberfl√§che.

Blamabel war auch eine "Zusammenfassung aller wichtigen Punkte", die in Wahrheit lediglich diejenigen Punkte angab, die einer der zahlreichen funktionellen Kategorien (siehe oben) angeh√∂rten. Aber in der klinischen Praxis wird etwa die Mehrzahl der angeblichen "Tonisierungs- und Sedierungspunkte" so gut wie nie angewandt. Dasselbe gilt auch f√ľr die Mehrzahl der anderen Kategorie-Punkte – wie ich dies selber in meiner 1990 erschienenen "Allgemeinen Statistik der Akupunkturpunkte" nachgewiesen hatte.

 

21) Klammheimliche Korrekturen

In der 3. Auflage des D√ĄGfA-Repetitoriums waren die funktionellen Kategorien immer noch umfassend beschrieben. Ihre Kennzeichnung als "wichtigste Punkte" war jedoch weggefallen. Warum eigentlich?

In der Sache war das ohne Frage richtig. Wie der Wandel allerdings zustande kam, war typisch f√ľr das Vorgehen der Aku-Gesellschaften. Die Ab√§nderungen, Weglassungen, Hinzuf√ľgungen und Korrekturen, die seit 1951 in den Lehrinhalten stattfanden, sind Legion. Aber alle Korrekturen gingen klammheimlich √ľber die B√ľhne, immer nach der Adenauerschen Devise "Wat jeht mich mein dummet Jeschw√§tz von jestern an". Niemals gab es ein √∂ffentliches Eingest√§ndnis, dass man sich in der Vergangenheit mit der Definition von Begriffen, mit Fragen der Nadeltechnik, mit der Bewertung theoretischer  Pr√§missen geirrt hatte. Nur nicht zugeben, dass man etwas nicht wei√ü und nicht wusste – das ist seit jeher das Credo all der Rosst√§uscher und Plagiatoren, die in den Aku-Gesellschaften das Sagen hatten und haben.

Warum verzichtete man auf die Angabe dessen, was Bachmann und Soulié de Morant die "Energieanteile in den Meridianen" genannt hatten, konkret etwa beim Herzmeridian "7/10 Yang und 3/10 Yin"? Oder bei Dickdarm- und Magenmeridian "5/10 Yang und 5/10 Yin"? Nie eine Erklärung, nie eine öffentliche Diskussion.

Warum ging man von den Gold- und Silbernadeln ab, wie sie das erste deutsche Akupunkturlehrbuch 1952 f√ľr "Tonisierung" und "Sedierung" gelehrt hatte? Nat√ľrlich deshalb, weil die Chinesen andere Nadeln verwendeten. Doch gab es auch dazu nie eine Erkl√§rung, schon gar nicht gegen√ľber den √Ąrzten, denen man jahrelang anderes beigebracht hatte.

Warum ging man von den geringen Stichtiefen ab, die man zu Zeiten Bachmanns gelehrt hatte (Bischko und die √Ėsterreicher noch heute), und lehnte sich an die Stichtiefen in den chinesischen B√ľchern an? Nie eine √∂ffentliche Erkl√§rung.

Warum verzichtet die D√ĄGfA seit einigen Jahren auf das hervorgehobene Lehren der "Tonisierungs- und Sedierungspunkte", l√§sst es jedoch zu, dass diese im "Musterkursbuch Akupunktur" der Bundes√§rztekammer als Teil des offiziellen deutschen Aku-Curriculums aufgef√ľhrt sind? Nie eine √∂ffentliche Erkl√§rung.

Mit welchem Recht wird heute die Ohrakupunktur nahezu gleichberechtigt mit der chinesischen K√∂rperakupunktur gelehrt und gepr√ľft? Nie eine Diskussion, nie eine Erkl√§rung.

M√ľssten nicht heute, da die TCM nicht mehr wie in der Antike f√ľr akut bedrohliche Zust√§nde und Erkrankungen verwendet wird, sondern f√ľr Schmerzen und chronische Beschwerden, alle diagnostischen und therapeutischen Angaben der chinesischen Quellen darauf hin √ľberpr√ľft werden, ob sie den ver√§nderten Bedingungen entsprechen? – Nie eine Erkl√§rung, nie eine Diskussion.

Welche neuen Erkenntnisse oder Forschungsergebnisse haben eigentlich die diversen D√ĄGfA-Vorsitzenden eingebracht, von Gerhard Bachmann, Heribert Schmidt, Rolf von Leitner √ľber C. C. Schnorrenberger und Jochen Gleditsch bis zu Walburg Maric-Oehler und jetzt Wolfram St√∂r? Auf der D√ĄGfA-Website findet sich dazu kein einziges Wort.

Warum kam von den Akupunkturgesellschaften kein Laut des Protestes, als das Hamburger Universit√§tsklinikum Eppendorf 2005 einen TCM-Lehrstuhl ausschrieb, ohne zu verlangen, dass der k√ľnftige TCM-Professor die chinesische Sprache beherrschen m√ľsste? Na klar – weil die Pr√§sidenten und Vorsitzenden der Aku-Gesellschaften damit auf ihre eigene Inkompetenz h√§tten hinweisen m√ľssen.

 

22) Funktionäre, keine Wissenschaftler

Mit Walburg Maric-Oehler wurde 1991 ein neuer Typ zur D√ĄGfA-Vorsitzenden gew√§hlt: Hundert Prozent Funktion√§rin, null Prozent Wissenschaftlerin.

Ihre eigenen √Ąu√üerungen zur chinesischen Medizin triefen von Peinlichkeit, etwa wenn sie 2009 auf dem Schweizer ASA-Kongress √ľber das Herz in der TCM ausf√ľhrt: "Zuviel Freude schadet dem Herzen durch √úberreizung. Das Qi wird locker, zuviel Feuer und sch√§digt Qi und Blut, schliesslich das Lungen-Po und das Nieren-Jing. Das f√ľhrt zu Trauer und Angst. Das Herz f√§llt in die Hosen, es entsteht Angstschweiss."Doch als Funktion√§rin war sie un√ľbertrefflich.

Als erstes brachte sie in der D√ĄGfA jede abweichende Meinung rigoros zum Schweigen. Einen Beitrag aus meiner Feder √ľber die Auseinandersetzung zwischen Manfred Porkert und C.C. Schnorrenberger in den 70er Jahren, der in der D√ĄGfA-Zeitschrift erscheinen sollte, warf sie am Tag vor der Drucklegung hinaus, weil er ihr zuviel Z√ľndstoff enthielt. √Ąhnlich ging sie mit anderen – milderen – Kritikern um: sie wurden isoliert, entmutigt, ins Abseits gedr√§ngt.

Dann tat sie sich mit den Chefs der anderen Aku-Gesellschaften zusammen. Gemeinsam machten diese, was sie in Perfektion beherrschte: Gemauschel hinter den Kulissen. Mit der vereinten Kraft ihrer schieren Mitgliederzahlen (30.000 von ca. 200.000 niedergelassenen √Ąrzten) schafften sie es, die Bundes√§rztekammer ebenso √ľber den Tisch zu ziehen wie den Bundes√§rztetag 2003: In der Annahme, es g√§be so etwas wie ein anerkanntes und wissenschaftlich fundiertes Akupunktur-Curriculum,  beschloss Deutschlands √Ąrzteschaft die Einf√ľhrung der "Zusatzbezeichnung Akupunktur". Standespolitisch ein Erfolg ohnegleichen – aus wissenschaftlicher Sicht eine Katastrophe.

 

23) GERAC-Studien und Punktspezifität

Von der √Ėffentlichkeit fast unbemerkt, fanden 2002 bis 2004 die umfangreichsten Studien zur Wirksamkeit der Akupunktur statt, die weltweit jemals durchgef√ľhrt wurden. Sie erbrachten zwei bedeutende Ergebnisse.

Das erste war, dass die Akupunktur bei einigen Indikationen Рzum Beispiel bei Wirbelsäulenbeschwerden und Knieschmerzen Рbesser wirkt als die herkömmliche medikamentelle Schmerztherapie.

Das zweite Ergebnis: Eine Akupunktur, bei der die Nadeln absichtlich an "falschen" Stellen gestochen wurden, ergab fast dieselben Resultate wie bei einer Nadelung der "richtigen", d.h. von den Lehrb√ľchern empfohlenen Punkten.

Zwar hatte die Studie eine Reihe von Mängeln, die bei einem Verfahren wie der Akupunktur kaum auszuschließen waren, schon gar nicht bei einer Studie mit Tausenden von Teilnehmern. Einige Kritiker zogen aus den Ergebnissen den Schluss, die Akupunktur sei wohl doch nichts anderes als Placebo-Therapie Рwas schon deshalb höchst unwahrscheinlich ist, weil auch die Nadelung "falscher" Punkte stets eine Mikro-Verletzung ist. Und diese bewirkt jedenfalls eine Kaskade von Körpervorgängen, die nicht nur das Psychische betreffen.

Die richtige Schlussfolgerung, jedenfalls aus Sicht kritischer Akupunkturforscher, ist eine andere: offenbar ist die Punktspezifit√§t – also die spezielle Wirkung einzelner Punkte, die der Theorie nach anders sein soll als die aller anderen Punkte – viel geringer als bisher angenommen. Vieles spricht daf√ľr, dass die Resultate der Akupunktur eben nicht auf solchen spezifischen Punktwirkungen beruhen, sondern erstens auf der Allgemeinwirkung der Nadelung, zweitens auf ihrer lokalen Wirkung auf das benachbarte Gewebe.

Damit w√ľrde aber das zusammenst√ľrzen, was derzeit in den Akupunkturkursen die meiste Zeit dauert (und den Gesellschaften das meiste Geld bringt): das Erlernen der angeblich spezifischen Punktwirkungen.

Das ist der Grund, dass eine ernsthafte (und √∂ffentliche!) Diskussion dieser grundlegenden Studie in den Akupunkturgesellschaften so gut wie gar nicht stattgefunden hat. Auch das ein Beleg daf√ľr, wie deprimierend es um die Wissenschaftlichkeit dieser Branche bestellt ist.

 

24) Wissenschaftliche Kastraten als TCM-Professoren

2006 konnte der Versuch des Hamburger UKE, einen TCM-Professor zu etablieren, der kein Chinesisch konnte, noch abgewendet werden. Inzwischen sieht es so aus, als w√ľrden alle Schranken und alle fachlichen Schamgrenzen nach und nach verschwinden. Am 6. Juli dieses Jahres gab die Technische Universit√§t M√ľnchen bekannt, dass der M√ľnchener Internist Carl-Hermann Hempen als Honorarprofessor einen Master-Studiengang "Traditionelle Chinesische Medizin" einrichten soll. Damit ist genau das eingetreten, was 2006 noch verhindert werden konnte: ein Professor f√ľr chinesische Medizin, der nicht imstande ist, die Originaltexte seines Faches zu lesen. Wie will Hempen historische, inhaltliche oder terminologische Fragen beantworten, wenn er das nicht kann? Also schlicht l√§cherlich – der Bock als G√§rtner, ein wissenschaftlicher Kastrat als Professor. Eine Schande f√ľr das Fach, eine Schande f√ľr das deutsche Hochschulwesen. Eine Schande f√ľr die TU M√ľnchen.

Was aber soll man von denen erwarten, die in diesen Kursen "ausgebildet" werden?

Meiner Meinung nach sehr wenig. Insbesondere die Akupunktur, dieses wunderbare, einfache Verfahren, wird gelehrt werden wie gehabt: aufgebläht und verschwurbelt durch obsolete Theorien und Bewertungen.

Und weil das so sein wird – und weil auch Wolfram St√∂r, der gegenw√§rtige D√ĄGfA-Vorsitzende, mehr Funktion√§r ist als Wissenschaftler – l√§sst sich jetzt schon vorhersagen, dass der chinesischen Medizin in Deutschland trotz ihrer spektakul√§ren √§u√üeren Erfolge demn√§chst ein Abstieg bevorsteht.

Empfehlung an die Patienten: wenn schon einen deutschen Akupunkteur, dann um Himmels willen keinen, der seine Nadelkunst in Deutschland gelernt hat. Wenn er in China war, hat man ihm auch dort viel antiquiertes Zeug beigebracht. Aber wenigstens konnte er in der Praxis sehen, was davon wirklich angewandt wird – und auch, so Gott will: wie man eine Nadel sticht, ohne dass es wehtut.

 

 (Abdruck, auch in Teilen, mit Quellenangabe frei)

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